WeTTTer.de, heutiges Datum:   Mittwoch, 17. Januar 2018

Thema des Tages


Die Vorhersage von Sturmtiefs am Beispiel der nahenden "FRIEDERIKE"

Mittlerweile hat es sicherlich jedermann gemerkt, dass das aktuelle
Wettergeschehen durchaus als turbulent zu bezeichnen ist. Relativ
kaltes Schauerwetter bei teils stürmischen Wind sorgen bei vielen
Menschen nicht gerade für ein gesteigertes Verlangen nach längeren
Spaziergängen. Diese turbulente Phase steuert am kommenden Donnerstag
nun auf Ihren Höhepunkt zu. Dafür verantwortlich ist Sturmtief
FRIEDERIKE.

Allerdings macht es FRIEDERIKE den Meteorologen dieser Tage nicht
einfach. Zwar scheint mittlerweile die Zugbahn recht klar zu sein,
doch gibt es derzeit noch größere Unterschiede, was die tatsächliche
Intensität und die damit verbundenen Auswirkungen betrifft. Um die
Problematik etwas besser zu verstehen, möchte ich Sie in den
Arbeitsalltag der Vorhersagemeteorologen mitnehmen und zeigen, wie
wir an die Prognose einer solchen Sturmlage herangehen.

Das Wichtigste ist zunächst, dass man sich einen Überblick über die
aktuelle Großwetterlage verschafft. Dafür gibt es verschiedene
Basisfelder, die sich der Vorhersagemeteorologe anschaut. Dazu
gehören neben der Luftfeuchte und der Temperatur in verschiedenen
Höhen natürlich auch der Bodenluftdruck und die Druckverteilung in
höheren Luftschichten, um das Zusammenspiel der verschiedenen
Luftmassen und das sich daraus ergebende Strömungsmuster beschreiben
zu können.

Grundlage für die Entwicklung von Tiefdruckgebieten sind große
horizontale Temperaturunterschiede auf engstem Raum, wie sie aktuell
auch über dem Nordatlantik zu finden sind. Die Natur ist bestrebt
eben diese Unterschiede auszugleichen. Tiefdruckgebiete sind dabei
die Arbeitsgeräte der Atmosphäre und die Temperaturunterschiede ihre
Nahrung. Wie riesige Schaufelradbagger werden auf ihrer Ostflanke
warme Luftmassen nach Norden geschaufelt und auf ihrer Westflanke im
Gegenzug kalte Luft nach Süden. Wo genau entlang der Luftmassengrenze
die Tiefs entstehen und wie kräftig sie sich entwickeln, darüber
entscheidet die Strömung in den höheren Luftschichten und damit wird
auch klar, weshalb wir eben auch verschiedene Modellfelder in höheren
Luftschichten betrachten müssen.

Zur Einarbeitung konzentriert man sich zunächst auf ein Modell und
dafür wird zunächst die Modellkette des DWD betrachtet. Das
hauseigene "ICON-Modell" zeigt für den Donnerstag eine brisante
Entwicklung in einem Streifen von Südniedersachsen/Nord-NRW über
Thüringen und Sachsen-Anhalt bis nach Südbrandenburg und Sachsen
schwere Sturmböen. Dort werden nach unserem Modell einzelne Orkanböen
erwartet.

Nun darf man sich nicht nur auf ein Modell verlassen, sondern muss
auch andere Wettermodelle betrachten. Warum? Tut man dies nicht,
besteht die Gefahr einer Fehlprognose. Ein Grund dafür ist, dass die
Eingangsgrößen (Temperatur, Feuchte, Luftdruck ...) für die
Modellberechnungen nicht ausreichend genau gemessen werden. Je
nachdem wie die Eingangsgrößen in ein Modell einfließen und wie diese
dann weiter verarbeitet werden, können am Ende unterschiedliche
Ergebnisse herauskommen. Abhängig von der Größe der Unsicherheiten
können Modellunterschiede mal mehr und mal weniger stark ausfallen.
Ein einzelnes Modell stellt quasi eine erste Schwarz-Weiß Skizze über
die Entwicklung dar und die Einbeziehung weiterer Wettermodelle füllt
diese dann mit Farbe. Schaut man sich das farbige Bild an, so fällt
auf, dass es einige Prognosen gibt, die "Friederike" um einiges
schwächer zeigen, als unser "ICON-Modell". Demnach wären "nur"
Sturmböen und vereinzelte schwere Sturmböen zu erwarten.

Den letzten Baustein stellen schließlich Modellensembles dar. Dabei
wird ein Wettermodell kurz gesagt nicht nur einmal berechnet, sondern
gleich mehrfach. Beim europäischen Modell vom EZMW geschieht das
ganze 52- mal. Dabei werden die in das Modell hineingesteckten
Eingangsgrößen jedes Mal ein wenig variiert, um ihren Unsicherheiten
Rechnung zu tragen. Mit dem damit berechneten Strauß an Prognosen
lassen sich dann Wahrscheinlichkeiten berechnen. Man kann damit für
eine Region bestimmen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein
Schwellwert überschritten wird. Beim Ensemble bietet sich
veranschaulichend ein Aufdeckbild an. Angenommen es besteht aus 60
Teilen. Die Betrachtung einer Einzelmodellösung ist zu vergleichen
mit einem einzelnen aufgedeckten Teil. Nutzt man hingegen das
Ensemble des EZMW, so kann man 52 Teile aufdecken. Man sieht zwar
noch nicht alles, kann aber viel klarer erkennen, welches
Wetterszenario sich möglicherweise für die Zukunft ergibt.

Betrachtet man nun aktuell das Ensemble des europäischen Modells, so
sieht man, dass bei der nahenden Sturmwetterlage die
Wahrscheinlichkeit des Überschreitens der Unwetterwarnstufe
(Orkanböen) eher gering ist. Das Ergebnis des Vorhersagemeteorologen
in der Zusammenschau der Wetterentwicklung lautet also: Derzeit wird
für den Donnerstag ein kräftiges Sturmtief erwartet. Dabei kann es in
tiefen Lagen Sturmböen und einzelne schwere Sturmböen geben.
Unwetterartige Entwicklungen mit Orkanböen können zwar nicht
ausgeschlossen werden, sind aber derzeit eher unwahrscheinlich.

So lange keine Einigkeit herrscht, müssen neue Modellläufe daher
weiter aufmerksam betrachtet werden. Die Gefahr einer Orkanlage ist
noch nicht endgültig vom Tisch!


Dipl.-Met. Marcus Beyer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 16.01.2018

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